Vom Feuermachen der Steinzeit über Ötzis Ausrüstung bis zum Amadou-Filz: die Kulturgeschichte des Zunderpilzes.
Der Zunderschwamm (Fomes fomentarius) begleitet den Menschen seit Jahrtausenden. Er lieferte Glut zum Feuermachen, wurde zu weichem Filz verarbeitet und steckte schon im Gepäck der Gletschermumie „Ötzi“. Dieser Beitrag zeichnet seine Kulturgeschichte nach: vom Zunder der Steinzeit über den Amadou-Filz bis zur heutigen Forschung.

Kurz gesagt: Der Zunderschwamm in der Geschichte
- Name: Der Zunderschwamm heißt so, weil seine Innenschicht als Zunder zum Feuermachen diente.
- Steinzeit: In der Ausrüstung des rund 5.300 Jahre alten „Ötzi“ fand sich Zunder aus dem Zunderschwamm.
- Amadou: Aus der weichen Innenschicht entstand ein lederartiger Filz, der als Zunder, Verbandmaterial und für Kleidung genutzt wurde.
- Nutzungsdauer: Eine französische Übersichtsarbeit von 2002 beschreibt die Nutzung von der Vorgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg.
- Heute: Der Pilz ist Gegenstand intensiver Forschung, über die der Beitrag Zunderschwamm: Studienlage im Überblick berichtet.
Warum heißt er Zunderschwamm?
Zunder ist ein Material, das schon von einem kleinen Funken Glut annimmt und diese hält. Funken aus Feuerstein oder Pyrit reichen allein nicht aus, um Holz zu entzünden. Man brauchte deshalb ein Material, das sich leicht entzündet und glimmt. Genau dafür eignete sich die weiche, filzige Innenschicht (Trama) des Zunderschwamms. Wie man den Pilz im Wald erkennt, steht im Beitrag Zunderschwamm erkennen.
Ötzi und der Zunderschwamm
1991 wurde in den Ötztaler Alpen die Gletschermumie „Ötzi“ gefunden, die vor rund 5.300 Jahren lebte. In seinem Gürtelbeutel lag eine schwarze, filzartige Masse. Die Mykologen Ursula Peintner und Reinhold Pöder von der Universität Innsbruck identifizierten sie als Zunder aus dem Zunderschwamm. Zur Ausrüstung gehörten außerdem Feuersteine und ein kleiner Feuersteinbohrer. Ötzi trug damit ein vollständiges Feuerzeug-Set bei sich.
Neben dem Zunderschwamm fanden sich an Lederschnüren zwei Stücke des Birkenporlings (Fomitopsis betulina). Mehr dazu im Beitrag Birkenporling erkennen.
Zunder in der Jungsteinzeit: der Fund von La Draga
Eine Studie in PLOS ONE (2018) untersuchte die jungsteinzeitliche Siedlung La Draga am See von Banyoles in Nordostspanien. Dort fanden sich rund 7.300 Jahre alte Reste von 86 getrockneten Pilzstücken aus sechs holzbewohnenden Arten. Die Forschenden deuten sie als Zunderpilze, die zum Entfachen und zum Transport von Glut dienten. Das zeigt: Pilze als Feuerhilfe haben eine sehr lange Tradition in Europa.
Vom Pilz zum Amadou
In späteren Jahrhunderten wurde die Verarbeitung des Zunderschwamms zu einem eigenen Handwerk. Die Innenschicht wurde herausgelöst, in Streifen geschnitten, eingeweicht, geklopft und getrocknet. Das Ergebnis ist ein weicher, hellbrauner Filz, der sich wie feines Wildleder anfühlt und „Amadou“ genannt wird. Der Filz diente als:
- Zunder: Funken von Stahl und Feuerstein ließen den Filz glimmen, bevor Streichhölzer üblich waren.
- Kleidung und Accessoires: Aus Amadou wurden Mützen, Westen und Taschen genäht, wenn Leder knapp war.
- Verbandmaterial: Überlieferungen nennen die Verwendung als weiche Wundauflage und in der Zahnheilkunde.
- Handwerk und Angeln: Als Streichriemen für Rasiermesser, zum Trocknen von Angelfliegen und zum Befestigen von Insekten in Sammlungen.
Eine Übersichtsarbeit von Roussel und Kollegen in Cryptogamie, Mycologie (2002) beschreibt diese Verwendungen von der Vorgeschichte bis zum Ersten Weltkrieg. Die Autoren stellten dort auch selbst Zunder und Filz nach den überlieferten Methoden her und bestätigten, dass sie gut funktionieren. Über „Deutschen Zunder“ berichten Quellen, dass der Filz mit einer salpeterhaltigen Lösung getränkt wurde, damit er schneller glimmt. Heute wird Amadou noch von Anglern genutzt und im Bushcraft als Zunder.
Zunderschwamm in der Antike
Der Zunderschwamm wird auch in antiker Überlieferung erwähnt. Hippokrates, der griechische Arzt des fünften Jahrhunderts v. Chr., wird in Sekundärquellen als einer genannt, der den Pilz für Wunden beschrieb. Solche Überlieferungen sind kulturgeschichtlich interessant. Sie ersetzen keinen wissenschaftlichen Nachweis und sagen nichts über eine Wirkung heutiger Produkte aus.
Vom Zunder zum Extrakt
Heute interessiert sich auch die Wissenschaft für den Zunderschwamm. Übersichtsarbeiten beschreiben mehr als hundert Verbindungen und ordnen Laborbefunde in acht Forschungsfelder. Die Studienlage zeigt der Beitrag Zunderschwamm: Studienlage im Überblick.
GrayZone Labs stellt in Kronach im Frankenwald Extrakte aus Zunderschwamm-Fruchtkörpern aus deutscher Wildsammlung her, per Ultraschall-Extraktion mit Wasser und Ethanol. Die Zunderschwamm Tinktur 50 ml ist aktuell als Vorbestellung erhältlich. Worauf es beim Einkauf ankommt, steht im Beitrag Zunderschwamm kaufen. Die Geschichte oben beschreibt Kulturgut und keine Wirkung unseres Produkts.
Rechtlicher Hinweis
Gesundheitsbezogene Aussagen zu Lebensmitteln sind in der EU durch die Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 geregelt. GrayZone Labs macht daher keine Wirk- oder Heilversprechen und gibt keine Dosierungs- oder Verzehrempfehlungen. Bei gesundheitlichen Fragen berät die Ärztin, der Arzt oder die Apotheke. Wer Pilze selbst sammelt, beachtet die Regeln des Bundesnaturschutzgesetzes.
Häufige Fragen
Wofür wurde der Zunderschwamm früher genutzt?
Vor allem als Zunder zum Feuermachen. Außerdem wurde die Innenschicht zu Amadou-Filz verarbeitet, aus dem Kleidung, Verbandmaterial und Handwerksbedarf entstanden.
Hatte Ötzi einen Zunderschwamm dabei?
Ja. In seinem Gürtelbeutel fand sich Zunder aus dem Zunderschwamm, zusammen mit Feuersteinen und einem kleinen Bohrer.
Was ist Amadou?
Amadou ist ein weicher, lederartiger Filz aus der Innenschicht des Zunderschwamms. Er wurde als Zunder und für Kleidung verwendet.
Wie alt ist die Nutzung von Pilzen als Zunder?
Funde aus La Draga in Spanien sind rund 7.300 Jahre alt. Der Zunder aus Ötzis Ausrüstung ist rund 5.300 Jahre alt.
Welcher Pilz war Ötzis zweiter Pilz?
Der Birkenporling. Zwei Stücke hingen an Lederschnüren in seiner Ausrüstung.
Ist der Zunderschwamm heute noch relevant?
Ja, als Bushcraft-Zunder, für Angler und als Forschungsgegenstand. Die Studienlage zeigt der Beitrag Zunderschwamm: Studienlage im Überblick.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Peintner U., Pöder R.: Ethnomycological remarks on the Iceman’s fungi, in: The Iceman and his Natural Environment (The Man in the Ice, Bd. 4), Springer Wien, 2000, S. 143–150
- Berihuete-Azorín M. et al.: Punk’s not dead. Fungi for tinder at the Neolithic site of La Draga (NE Iberia), PLOS ONE, 2018
- Roussel B., Rapior S., Masson C.-L., Boutié P.: Fomes fomentarius (L. : Fr.) Fr. : un champignon aux multiples usages, Cryptogamie, Mycologie 23(4), 349–366, 2002
- wissenschaft.de: Pilze als Glutspender, 2018 (Fund von La Draga)
- FFSC: Tinder Fungus(Zunderherstellung, Amadou, Verwendung)
- Wisconsin Botany, Tom Volk’s Fungus of the Month: Fomes fomentarius(Ötzi, Amadou, historische Nutzung)
- Spektrum Lexikon der Biologie: Zunderschwamm(Zunderherstellung)
- Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine medizinische Diagnose oder Therapie.
Autor: Ing. Luca Finazzo, M.Sc. Biotechnologie
(Experte für Heilpflanzen und Pilze)
